Artikel ::  Fade to grey – ein Trip in der Skandinavischen Einsamkeit


Fade to grey – ein Trip in Skandinavien

  Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine Übersetzung des englischen Original-Artikels von Anthony Shaw durch Sebi Fischer.

Nordeuropäische Wintermonate sind für die Helligkeit des Schnees, die Kürze der Tage und Dunkelheit ihrer Nächte bekannt. In Arktischen Kreisen findet man zu dieser Zeit dagegen Wochen, in denen die Sonne niemals über den Horizont aufsteigt, was dem Leben dort in ein dauerhaftes Schummerlicht versetzt. Die Mehrheit der Einwohner wohnt entweder außerhalb dieser besonderen Zone - Ihr Tag ist daher weniger Schwarzweiß.


photo © by Jöns Aschan (Paddlingsfabriken)

Trotz der Nähe zur Arktis, der häufigen Anwesenheit von Hochdruckwetterlagen und des damit verbundenen Blauen Himmels kommt ein häufiges Herbstwetter aus dem Südwesten zum Vorschein, welches aus Wolken und schlechtem Wetter besteht. So sang einst schon Al Stewart zur schlechten Aussicht der Infanteristen ‘the grey skies of Russia go on forever’ (Russland ist nur 120km von Helsinki entfernt). Was gibt es für einen besseren Weg und was für ein besseres Vehikel, um dieser deprimierende Realität entgegen zu wirken, als ein Seakayak? And was auf dem Land für eine unordentliche, oft schmutzig grauen Anblick von geschmolzenem Schnee sorgt ist auf dem Wasser ideal für eine lokale Spezialität: Ice-breaking!

photo © by Jöns Aschan

Auch wenn der Himmel im Bezug zu seinen Farben sehr monoton ist, fällt einem schnee die Farbvielfalt des Wassers auf. Granitfelsen und Wellen auf den Steinstränden bilden einen Kontrast zu den benachbarten Schneeflecken. Das windgetriebene Wallen der Reed-Felder, welche die Küste säumen, haben dennoch eine glattere Struktur als die gebrochenen Grashalme der angrenzenden Felder. Für meinen Nachmittagsausflug bin ich 80km in den Westen von Helsinki gefahren, um ein geschütztes und in Gegensatz zu den vielen inländischen Seen und Teichen noch gefrorenes Seegebiet zu erreichen. Nach den eisigen Temperaturen der letzten Tage waren die wenigen Zentimenter von Eis mit einer hauchdünnen Schicht aus Schnee gepulvert, die den hellgrauen Himmel reflektierte. Am Meeresufer ist das Wasser einige wenige kritische Grad wärmer und der Wind effektiver beim Beibehalten des klaren Wassers. Der Ort ist Jöns Aschan, Eigentümer der ‘The Paddling Factory’, einer kleinen Firma außerhalb der Stadt Ekenäs im schwedischsprachigen Teil des Landes, gut bekannt. Am breiten und tiefen Kanal nach Pohja gelegen, wo Schiffe den ganzen Winter lang fahren können, kann Aschan "ice-breaking"-Ausflüge anbieten. Im frühen Dezember bieten sich Trips für Neulinge zu geschützten  Küsten und Buchten an.


photo © by Jöns Aschan

Unsere Route an diesem Abend war außerordentlich gewöhnlich – zum örtlichen Supermarkt, zur Tankstelle und zu einem Café in ungefähr 6 km Entfernung. Im Sommer würde bei diesem Trip zahlreiche Ausflugsschiffe für Touristen, einige Yachten, ruhige Fischer, eventuell andere Paddler und nicht zuletzt eine Vielzahl von Wildtiefen zu Wasser und zu Land zu sichten sein. Die Umgebung wäre gekennzeichnet von Aktivität von Besuchern und Einheimischen. Der Dezember bringt einen Wandel mit sich: Auf dem Wasser breitet sich Leere aus, in der Luft verschwinden die Wildtiere - abgesehen von einigen Enten und einem von uns gesichteten Seeadler.
Dieser Trip war keine Arktis-Expedition, aber nach einem anfänglichen Treffen auf Netze-auslegendem Fischer und der darauf folgenden totalen Abwesenheit von Menschen zeigte sich bei unserem Trip, dass wir quasi am Ende der zivilisierten Welt waren.

Unglücklicher Weise blieben unsere Versuche einen direkten Weg durch das Eis zu brechen erfolglos. Das Rammen der Kajakspitzen auf die Kanten des Eises endeten einige Sekunden später darin mit dem Kajak auf dem Eis gelandet zu sein anstatt dieses zerbrochen zu haben. So ist man inmitten einer Masse von Eisschollen, die einen Zugang der Paddelblätter zum Wasser unterbinden, seinem Schicksal überlassen. Wird dieses Hindernis einmal überwunden ist es dagegen schwierig die Paddelblätter wieder über die Wasseroberfläche zu bekommen. Kein Spaß für Anfänger!

photos © by Aschan Jöns

Den Großteil der menschlichen Interaktion in Finlands Winterlandschaft findet an den lokalen Tankstellen dar, wo eine Vielzahl von Services und Unterstützungen angeboten wird - und sei es nur ein heißer Kaffée zur Winterzeit. Dort werden unter den Jägern mit ihren hellen Jacken und Hüten lokale Neuigkeiten ausgetauscht. Die Verwendung der englischen Sprache wurde in dieser Finnisch/Schwedisch-sprachigen Zivilisation sehr gut akzeptiert. Die Kälte und Dunkelheit unseres Rückweges stellte am Ende des Tages einen starken Kontrast zur Wärme des hellen Cafés dar.

Auch die Eisschicht auf dem Deck unserer Boote war ebenso wie die Auskühlung nach einigen Minuten der Anstrengung kein signifikanter Sicherheitsfaktor (auch wenn uns dabei die potentiellen Probleme eines Trips unter derartigen Bedingungen gezeigt wurden). Am stärksten forderte uns der Mangel an Licht, um die visuellen Sinne und das damit verbundene Balancegefühl aufrecht zu erhalten. Wie man weiß fällt es auch betrunkenen und damit balance-gestörten Personen schwer eine gerade Linie zu gehen.

Als auch das verbliebene Restlicht verschunden war wurde uns klar, dass unsere Isolation in Wirklichkeit sehr relativ war. Der Himmel war bald tiefschwarz, aber der Horizont spiegelte die Lichter von Ekenäs - einer Stadt 10 km in Richtung Nordwest. Auch die dunkel ertscheinenden Navigationslichter gaben unseren belasteten Augen die notwendige minimale Stimulation, um die Kayaks auf dem richtigen Kurs zu halten.

Eine große Herausforderung war es die Balance mit krampfenden Unterarmmuskeln zu halten, die während der letzten Kilomter schwere Arbeit gegen den Wind verrichtet hatten. Die schwierigste zu bewältigende Aufgabe bestand letzten Endes darin auf den mit einer runden Eisschicht belegten Landungsplatten auszusteigen. Der feste Küstenboden war da eine willkommende Oberfläche, um endlich wieder aufrecht stehen zu können und die Schönheit des zuvor befahrenen Wassers genießen zu können.



Weitere Infos:

erschien in:  playboaters.de
erschien am:  08.03.2006
verfasst von:  Anthony Shaw
übersetzt aus d. Englischen: Sebi Fischer